Presse

Handelsblatt Nr. 123 vom 29.06.07 Seite k05
Ökonomie & Bildung

29.Juni 2007



HANDELSBLATT MACHT SCHULE:




Berichte über das Zusammenspiel von Schule, Universität und Wirtschaft
Eltern unterstützen Schulen


 

ROUBEN BATHKE

Musikalisch waren die Schüler am Nicolaus-Kistner-Gymnasium im badischen Mosbach schon immer. Und so plante die Schule vor drei Jahren ein neues Projekt: Ganze Klassen sollten mit Streichinstrumenten musizieren lernen. Dafür wollte die Schule Instrumente für ein komplettes Streichorchester anschaffen: 32 Geigen, Kontrabässe, und Violoncelli. Kosten: 30.000 Euro.

"Allein konnte das Gymnasium diese Summe nicht aufbringen", erzählt Martin Hess vom schulischen Förderverein. Für Anschaffungen im großen Stil waren keine Mittel vorhanden, der Etat deckte gerade einmal die laufenden Kosten. Also sprang der Förderverein ein und trieb knapp 20 000 Euro auf - hauptsächlich aus Spenden von Eltern und Unternehmen aus der Region.

Mit einem Darlehen finanzierte der Verein den Rest der Kosten. Die Anschaffung der Musikinstrumente hat sich gelohnt: Das Musizieren im Klassenverband kam bei Schülern und Eltern so gut an, dass die Schule im folgenden Jahr noch ein komplettes Blasorchester einkaufte. Auch hier übernahm der Förderverein die Kosten.

Ob es um die Anschaffung von Musikinstrumenten, die längst überfällige Schulrenovierung oder um das anstehende Schulfest geht: Immer öfter packen Eltern an deutschen Schulen mit an oder greifen für ihre Kinder in die eigenen Taschen. Mittlerweile gibt es etwa 20 000 Schulfördervereine an deutschen Schulen, im Jahre 2005 haben sie rund 100 Millionen Euro eingesammelt.

"Die Zahl der Vereine hat sich seit 2000 mehr als verdoppelt", sagt Anne Kreim vom Bundesverband der Schulfördervereine, die sich über die positive Entwicklung freut: "Eltern fühlen sich heute viel stärker verantwortlich für das, was in den Schulen passiert. "Die Pisa-Studie habe als Wachmacher gewirkt, vermutet sie. Auf ihrer Website bieten die Elterninitiativen unter www.schulfoerdervereine.de konkrete Hilfe an, zum Beispiel zum Umgang mit Spenden.

Auch an der Athene-Grundschule in Berlin-Lichterfelde gibt es seit 2002 einen Förderverein. Er organisiert und finanziert vor allem Angebote außerhalb des Unterrichts, darunter Kochen, Theater und Turnen. Auch eine Arbeitsgemeinschaft für griechischen Tanz hat der Eltern-Verein für die Kinder ins Leben gerufen.

"Ein aktiver Förderverein bedeutet auch eine lebendige Schule", sagt Katja Hintze, Mutter zweier Kinder und Mitglied im Förderverein, der sich hauptsächlich aus Spenden finanziert. Das Geld kommt größtenteils von den Eltern selbst. "Wenn es den eigenen Kindern zugute kommt, spenden viele Eltern gern", sagt Hintze. Allerdings suche man auch nach Spenderfirmen aus der Nachbarschaft, denn Eltern würden an Schulen schon genug zur Kasse gebeten, findet sie.

Für Martin Hess ist das Engagement im Förderverein des Nicolaus-Kistner-Gymnasiums selbstverständlich. Er war dort schon aktiv, bevor seine beiden Töchter eingeschult wurden. Dass Vereine angesichts leerer Schulkassen immer weiter in die Bildungsaufgaben der Schulen einbezogen werden, stimmt ihn allerdings nachdenklich: "Es kann nicht sein, dass der Schulträger sich zu Lasten der Eltern seiner Pflichtaufgaben entledigt."

Ähnlich kritisch sieht Verbandsfrau Kreim, dass Fördervereine häufig die Nachmittagsbetreuung an Ganztagsschulen übernehmen. "Die Budgets der Schulen sind mit der Ausweitung des Schulangebots auf die Nachmittage nicht mitgewachsen", sagt Kreim. Und so nehmen Elternvereine inzwischen sogar Einfluss auf die Einstellung von Mitarbeitern: Schulfördervereine stellen zum Beispiel Sozialpädagogen ein, die nachmittags Hausaufgabenbetreuung anbieten.

Anne Kreim beschreibt die Entwicklung so: "Die heutigen Fördervereine werden immer mehr wie Unternehmen geführt."

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